Als Joelle Peters zufällig ein Infoblatt im Rathaus entdeckte, wurde aus einer spontanen Idee ein Ehrenamt mit großer Wirkung: Seit 2024 ist die 34-Jährige Jugendschöffin am Amtsgericht. Im Rahmen unseres Ehrenamtprojekts „Man tau – schnacken & anpacken“ erzählt sie im Interview, warum sie sich beworben hat, wie ihr erster Verhandlungstag verlief – und weshalb sie allen rät, dieses Ehrenamt einmal selbst zu übernehmen.

Wie bist du Schöffin geworden?

„Ich hatte einen TV-Beitrag gesehen, in dem erklärt wurde, dass Schöff:innen gesucht werden. Eine Woche später war ich im Rathaus – eigentlich wegen etwas ganz anderem – und dort lag plötzlich ein Infoblatt dazu. Da dachte ich mir: Das Thema läuft mir zum zweiten Mal über den Weg, das muss ein Zeichen sein. Ich habe mich eingelesen und mich Ende 2023 beworben. Da es ein Losverfahren ist, hatte ich tatsächlich Glück und wurde direkt für die Amtszeit 2024–2028 als Jugendschöffin ausgewählt. Es war im Grunde eine spontane Idee“, erzählt sie lachend.

Was hat dich daran gereizt, bei Gericht mit am Tisch zu sitzen?

„Vor allem die Möglichkeit, einmal hinter die Kulissen zu schauen. Normalerweise hat man ja – hoffentlich (lacht) – keinen Kontakt mit Gerichtssälen. Mich hat fasziniert, wie dringend Schöff:innen gebraucht werden und wie wenige dieses Ehrenamt übernehmen. Da dachte ich: Warum eigentlich nicht?
Und ja: Der Gerichtssaal sieht tatsächlich so aus wie im Fernsehen – U-förmig aufgebaut, Richter:in und Schöff:innen in der Mitte, Staatsanwaltschaft und Verteidigung seitlich. Nur der Zuschauerraum ist meistens leer und dramatische Zwischenrufe gibt es auch nicht.“

Weißt du noch, wie dein erster Verhandlungstag war?

„Oh ja! Ich war super aufgeregt, weil ich überhaupt nicht wusste, was mich erwartet. Kurz vorher erklärte uns der Richter den Ablauf, denn wir waren alle neu. Der Angeklagte erschien nicht zum Termin, also musste die Polizei ihn holen. Während wir warteten, wurden wir vereidigt – mit dem klassischen Schwur. Als die Polizei den Angeklagten schließlich in Handschellen hereingeführt hat, wurde mir klar: Okay, das ist jetzt wirklich echt.“

Wie läuft ein Sitzungstag ab?

„Das ist ganz unterschiedlich – manche Fälle dauern 30 Minuten, andere drei bis vier Stunden. Meistens starten wir um 9 Uhr und sind gegen 14 Uhr durch.
Vorab bekommen wir kaum Informationen, damit wir unvoreingenommen bleiben. Es wird nur abgefragt, ob man den Angeklagten kennt – sonst wäre man befangen. Schöff:innen sollen bewusst ohne juristische Vorbildung urteilen: als Stimme der Bürger:innen.
Wir dürfen während der Verhandlung Fragen stellen, entweder schriftlich oder in den Pausen. Das Urteil wird gemeinsam gefällt und die Stimmen der Schöff:innen haben echtes Gewicht. Am Landgericht läuft es etwas anders: Dort dauern die Verfahren länger und Schöff:innen dürfen Akten einsehen.“

Mit welchen Fällen hast du am Amtsgericht zu tun?

„Im Jugendgericht geht es um Straftaten von unter 18-Jährigen: Diebstähle, Drogenbesitz (meist Cannabis vor der Legalisierung) oder kleinere Delikte – eher die ‚kleinen Fische‘.
Die Strafen reichen theoretisch von sechs Monaten bis fünf Jahren Haft, aber oft werden Jugendarrest oder Auflagen verhängt. Man will Jugendlichen nicht die Zukunft verbauen, aber trotzdem Konsequenzen schaffen.“

Was hat dich am Anfang am meisten überrascht?

„Wie strukturiert alles abläuft. Die Verhandlungen folgen einem klaren Schema mit festen Fragenkatalogen. Es ist sachlicher und weniger individuell, als ich erwartet hatte.
Und trotzdem berühren einen die Situationen im Saal – vor allem, wenn Angehörige weinen. Ich habe aber gelernt, das bei der Urteilsfindung auszublenden. Früher hätte ich das nie gedacht, denn ich bin ein Bauchmensch – und jetzt kann ich zum Kopfmensch „switchen“.“

Wie funktioniert das Zusammenspiel mit der Richterin/dem Richter?

„Sehr gut! Man wird ernst genommen und wirklich einbezogen. Dieses Ehrenamt ist eine Bürgerpflicht, deshalb darf man für Sitzungstage auch nicht spontan verreisen. Fällt ein:e Schöff:in aus, kann die Verhandlung nicht stattfinden.
Mit der Zeit entsteht ein vertrautes Verhältnis, weil man immer im selben Team arbeitet.“

Ist es schwer, seine eigene Meinung zu sagen?

„Anfangs war ich aufgeregt – im Gerichtssaal ist es eben etwas anderes als beim Kaffeetrinken. Aber man wächst schnell rein und wird sicherer. Ich habe bisher vier Verhandlungen begleitet und freue mich auf die kommenden Termine.“

Gab es Momente, die dir besonders nahegingen?

„Ja, ein Fall mit einem Jugendlichen, der schon länger drogenauffällig war. Seine Mutter saß im Zuschauerraum und hat furchtbar geweint. Das hat uns alle berührt und im Rahmen des Erlaubten zu einer milderen Entscheidung geführt. Wenn Angehörige da sind, herrscht immer eine besondere Stimmung im Saal.“

Wie schaltest du nach schweren Fällen wieder um?

„Meistens brauche ich einen Tag oder einen entspannten Abend mit meinem Partner. Ein ruhiges Zuhause hilft mir sehr.“

Warum ist es wichtig, dass Bürger:innen als Schöff:innen mitentscheiden?

„Weil Urteile wirklich ‚im Namen des Volkes‘ gefällt werden sollen. Viele sagen: ‚Die Justiz macht eh, was sie will‘ – aber als Schöff:in merkt man, wie viel Einfluss man tatsächlich hat. Man bringt eine unabhängige, lebensnahe Perspektive ein. Das stärkt das Vertrauen in den Rechtsstaat. Wer die Möglichkeit hat, sollte sie nutzen.“

Wem würdest du das Ehrenamt empfehlen – und warum?

„Vor allem jungen Erwachsenen – sie können Gesellschaft aktiv mitgestalten. Aber eigentlich sollte es jede:r machen, der darf: also deutsche Staatsbürger:innen über 18. Die Amtsperiode dauert vier Jahre, danach kann man sich erneut bewerben. Ich hänge auf jeden Fall noch eine Periode dran.“

Was macht dir am meisten Spaß?

„Der Einblick in einen völlig anderen Berufsalltag. Normalerweise verkaufe ich Gummibärchen und mache Menschen damit glücklich – und hier bin ich plötzlich Teil des Justizprozesses. Dieser Rollenwechsel fasziniert mich total.“

Was müsste sich deiner Meinung nach verbessern?

„Der Kaffee! (lacht) Und manchmal dauern Verfahren sehr lange, weil der bürokratische Apparat so langsam arbeitet. Außerdem gibt es unglaublich viel Papierkram.“

Was möchtest du Interessierten mitgeben?

Macht es! Traut euch! Es ist spannend und sinnvoll – und keine Verhandlung ist wie die andere. Und: Es wird sogar für die Rente angerechnet.“

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