Einen Seepferdchen-Schwimmkurs zu finden, ist schwieriger als gedacht, musste unsere Kolumnistin Esther Hell kürzlich feststellen. Trotzdem kann ihre Tochter inzwischen stolz ihr Schwimmabzeichen auf dem Badeanzug tragen. Wie das geklappt hat, verrät Esther in ihrer neuen Kolumne.

Krass! Jedes zehnte Kind in Deutschland kann im Altern von zehn Jahren NICHT schwimmen. Als ich im vergangenen Jahr die Zahlen gelesen habe, wurde mir beinahe schlecht. Für mich ist es völlig normal, im Kindergartenalter Schwimmen zu lernen und später, wenn man älter ist, werden die Freibäder im Fahrradradius in den Sommerferien unsicher gemacht. Ganz klar, dass gehörte früher bei uns zum guten Sommer dazu: endlose Schwimmbadtage, mit Pommes rot-weiß, einem Eis und wenn das Geld noch reichte, gab es zum krönenden Abschluss noch eine Naschitüte. Die Saison- oder Jahreskarte gehörte ins Portemonnaie und verabreden mussten wir uns auch nicht. Es war klar, irgendjemand war schon da. Seufz! Okay, es ist schon ein paar Jährchen her, aber ich kann förmlich noch die Sonnencreme in der Luft schnuppern, der penetrante Chlorgeruch, weil das Wasser früher damit ertränkt wurde, und ich erinnre mich zu gerne an die nassen Haare, die auf dem Rückweg vom Schwimmbad im Fahrtwind getrocknet sind. Das waren damals die besten Ferientage.

Heißbegehrte Seepferdchenplätze

Genug geschwelgt in der Vergangenheit. Mittlerweile hat sich viel verändert. Die Schwimmbaddichte ist schon lange nicht mehr so eng wie damals und viele Kinder stehen nicht mehr nur monatelang, sondern im Schnitt zwei Jahre auf einer Warteliste, für einen heißbegehrten Seepferdchenplatz. Nachdem ich ein bisschen über die Nichtschwimmergeneration recherchiert hatte, googelte ich selbst nach Schwimmkursen für meine noch nicht mal fünfjährige Tochter. Ich sag es nur ungern, aber mir wurde nach kürzester Zeit klar, dass das mit dem spontan einen Schwimmkurs buchen und dann im Sommer loslegen, irgendwie nichts wird. Um mich ein bisschen von meiner Enttäuschung abzulenken telefonierte ich mit der DLRG und sprach darüber, wie man denn die Kinder wieder mehr ins Wasser bekommt. Die Antwort war ziemlich ernüchternd, denn aufgrund der vielen Schwimmbäder, die wegen der hohen Kosten geschlossen werden/wurden und der fehlenden Schwimmlehrer:innen, Bademeister:innen und Rettungsschwimmer:innen ist es beinahe ein auswegloses Unterfangen.

Horrende Preise in Schwimmschulen

In den Schulen reicht der Schwimmunterricht längst nicht mehr aus. Obwohl Schwimmen ein Pflichtfach in der Grundschule ist, scheitert es daran, dass es keine oder zu wenig ausgebildete Lehrer:innen gibt und oft das nächstgelegene Schwimmbad zu weit entfernt. Der Plan flächendeckend allen Schulkindern das Schwimmen beizubringen, geht deshalb leider nicht auf.

Eine Lösung für das Problem habe ich noch nicht gefunden. Allerdings wollte ich mich auch nicht damit abfinden, dass meine Tochter jetzt kein Seepferdchen machen kann, weil es einfach keine Kapazitäten gab. Bzw. es stimmt nicht ganz, es gab schon auch Schwimmschulen, die zu horrenden Preisen in Turbogeschwindigkeit eine Seepferdchengarantie bei Kindern ab vier abgeben. Für schlappe 400 Euro in zehn Einheiten á 30 Minuten zum Seepferdchen, wird da geworben … Ich lass‘ das jetzt einfach mal so stehen, denn gelernt habe ich beim Telefonat mit der DLRG: Die meisten Kinder sind ab ca. fünf Jahren in der Lage kräftemäßig und mit ein bisschen Training die gewünschten 25 Meter am Stück zu schwimmen. Deshalb gilt bei vielen Schwimmschulen auch fünf Jahre als Aufnahmekriterium.

Seepferdchen Kolumne Esther

Foto: Esther Hell (1)

Ein dreiwöchiger Intensivkurs

Nachdem ich also hier in Hamburg alle bezahlbaren Kurse und Schwimmschulen erfolglos abgegrast hatte – ich hätte auch eine Stunde Fahrtzeit bis ans andere Ende der Stadt in Kauf genommen – erweiterte ich meinen Suchradius. Und Bingo, ich hatte Glück. Im 30 Kilometer entfernten Kaltenkirchen gab es noch einen Platz für einen dreiwöchigen Intensivkurs für Anfänger:innen. Viel Zeit zum Überlegen, ob das überhaupt rein logistisch machbar ist, hatte ich nicht. Nachdem ich den Kurs gebucht und bezahlt hatte, weihte ich meinen Mann ein. Drei Wochen am Stück, Montag bis Freitag, abends ab 18 Uhr eine Stunde Schwimmkurs … ob das unsere Tochter nach einem turbulenten KiTatag durchhält? Und wie wird wohl die Rückfahrt? Hoffentlich schläft sie vor lauter Erschöpfung nicht sofort ein. Das Abendbrot zuhause fällt aus und stattdessen bekommt sie eine gut gefüllte Brotbox mit ins Auto. Mein Mann und ich wechselten uns ab. Zuhause gab es ja auch noch eine kleine Tochter, die in den drei Wochen ziemlich irritiert war, dass ihre große Schwester plötzlich so busy ist.

Selbstvertrauen für unsere Kinder

Ich muss zugeben, vor der ersten Stunde war ich womöglich nervöser als meine Tochter. Denn meine eigene Seepferchenschwimmkurskarriere dauerte genau einen Sprung vom Startblock ins tiefe Becken. Damals war die Anweisung, sich beim Reinspringen an einem Ring festzuhalten. Die muss ich vor lauter Aufregung überhört haben und wurde völlig aufgelöst von der Schwimmlehrerin aus dem Wasser gefischt. Nach der Aktion hat mich die Schwimmlehrerin NIE WIEDER gesehen. Deshalb war ich umso erleichterter, als der Schwimmlehrer einen ziemlich sympathischen Eindruck machte. Er hatte nach kürzester Zeit die acht Schützlinge im Griff und sie vertrauten ihm blind. Das war schön zu sehen und natürlich war meine Tochter mega stolz, als sie nach den drei Wochen, die wirklich anstrengend waren, das Seepferchen in Händen hielt. Sie hat gekämpft und konnte am Schluss sogar zwei Bahnen am Stück.

Fazit: Natürlich weiß ich, dass nicht jeder die Möglichkeit hat, 30 Kilometer wegen eines Schwimmkurses zu gurken – noch dazu, nachdem die Spritpreise so enorm gestiegen sind. Aber ich muss sagen, mich beruhigt die Tatsache doch sehr, dass meine Tochter sich über Wasser halten kann und jeder weitere Besuch im Schwimmbad gibt ihr noch ein Stückchen mehr Selbstvertrauen und ist es nicht eigentlich das, was wir uns für unsere Kinder wünschen – eine große Portion Selbstvertrauen!?

Hör die hier Esthers Kolumne auf Plattdeutsch an:

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