Esther Hell erzählt in ihrer neusten Kolumne von ihrer damals dreijährigen Tochter und deren eiskaltem Entzug – dem SCHNULLERENTZUG. Sie plaudert darüber, warum sie so rigoros die Entwöhnung durchgezogen hat und wie schlimm der Entzug für ihre Tochter und sie wirklich war.

scheiden tut weh. Fällt mir spontan zu dem Thema ein. Und wenn ich mich zurück erinnere an den Tag und die Nacht, als wir Projekt Schnullerentwöhnung bei unserer großen Tochter starteten, durchfährt mich immer noch eine spontane Übelkeit in der Magengegend, weil es eine der schlimmsten Nächte war, an die ich mich NICHT gerne zurückerinnere. Dieses Kind, das noch bis zum Morgen das bezauberndste Etwas gewesen ist, was ich je in meinem Leben erschaffen hatte, war nach der Diagnose beim Kinderzahnarzt „Der SCHNULLER MUSS WEG! SOFORT!“ dem absoluten Schnullerturkey geweiht.
Es tut mir auch immer noch leid, dass ich damals so rigoros gehandelt habe, aber bei Zähnen kenne ich kein Pardon. Ich habe, was Zähne betrifft, nicht die besten Gene mitbekommen. Deshalb wollte ich unter keinen Umständen, dass die Kinderzahnärztin MEINEM Kind mit gerade mal drei Jahren den Heil- und Kostenplan der nächsten 15 – 20 Jahre prognostiziert. Logopädie, Zahnfehlstellung waren noch die harmlosen Prophezeiungen.

Kindheitstrauma Zahnspange

Die Aussicht auf eine ZAHNSPANGE mit drei – fand ich schon extrem gruselig. Und ich gestehe, es hat ein Trauma bei mir gekitzelt, ganz tief in mir drin … Ich erinnerte mich an meinen Pferdehalfter, wie mein Bruder dieses Konstrukt um meinen Kopf drum herum immer nannte. Sind wir mal ehrlich, ich sah mit diesem Teil aus, wie Hannibal Lecter zu seinen besten Zeiten – natürlich nur im Miniformat. Ich habe es gehasst. Und ich habe zeitweise auch meinen großen Bruder „gehasst“, aber nur bis zu dem Zeitpunkt, als seine Diagnose ähnlich ausfiel und er direkt eine Zahnspange in seinen Mund gezimmert bekam. Mit diesem Tag war ich beseelt und hatte das Gefühl, es gibt doch noch Gerechtigkeit in meiner kleinen neun- oder zehnjährigen Welt.

Wie alles begann ...

Fotos: Esther Hell (4)

Abschied vom Schnuller

Aber weiter zu meinem Schnullerkind: Ich muss gestehen, es war nicht besonders schlau, die Schnullerverabschiedung direkt auf den Tag und die Nacht vor der Geburtstagsparty meiner damals Dreijährigen zu legen. Aber manchmal läuft es im Leben einfach anders als geplant und von mir aus hätte das Kind noch bis zum Sankt Nimmerleinstag Schnullern dürfen. Doch nach der Diagnose der Ärztin, da war Schluss.
Wir verließen fest entschlossen die Praxis, suchten noch in der gleichen Stunde alle Schnuller zusammen, die wir zuhause finden konnten. Und wenn ich meine, ALLE SCHNULLER, dann spreche ich nicht von zwei drei Exemplaren, NEIN, von mehr als 20 Stück! Und wir versenkten sie postwendend noch am selben Tag im Schnullerglas der Zahnärztin. Angeblich für die Affen im Zoo. Irgendwie habe ich mich nicht getraut die Geschichte zu hinterfragen, ich fand die Vorstellung ganz schön, zu glauben, dass die Schnuller uns beim nächsten Besuch im Affenhaus bei Hagenbeck noch mal Lebewohl sagen. Und ich hatte beim Verlassen der Praxis das Gefühl, das läuft!

Die Ruhe vor dem Turkey

 

Der Nachmittag verging, das Kind war so weit gut drauf. Wir lenkten uns ab mit Kuchen backen, Fernsehgucken, Bücher vorlesen – Dingen die man halt so macht. Doch umso weiter der Zeiger gegen Abendbrot und Bettgehzeit wanderte, umso ungeduldiger wurde sie und die Stimmung schwappte immer mal wieder in eine Art verzweifelter Versuch stark zu sein, aber eigentlich doch unbedingt wieder den liebgewonnenen Trösterfreund zurückzubekommen. Es zerriss mir fast das Herz und ich ahnte schon, dass es eine sehr schwierige Nacht werden würde, als ich mit ihr – später als sonst – im Bett lag und sie mantramäßig immer wieder „Nucki“ wiederholte.

Entzugserscheinungen einer Dreijährigen

Dieses „Nucki“ wurde immer lauter, aggressiver und auch energischer, mit jeder Minute. Sie weinte, schrie und trat gegen ihr Bett. Mitten in der Nacht erschrak ich plötzlich, weil sie so doll gegen das Bett getreten hatte, dass es ordentlich rumste. Ich war nicht sicher, ob dieses Kind, das jetzt voll auf Turkey neben mir lag, aus dieser Nacht unbeschadet rauskommen würde, geschweige denn ich selbst. Aber ich hatte sie zu dem gemacht, was sie war. Zu einem schnullerabhängigen kleinen dreijährigen Mädchen, das jetzt voll auf Turkey war und über Teddyleichen gehen würde, würde ich ihr verraten, wo ich einen Notfallnucki gebunkert hatte.
Nur weil die Hebamme mir damals versicherte, dass die noch nicht mal zwei Wochen alte Rakete es leichter hätte mit einem Schnuller. Ich war heilfroh, als die Nacht vorbei war. Das Kind war stolz, dass es so gut durchgehalten hatte und die Schnullerfee hatte sogar auch noch etwas Kleines vor die Tür gelegt. Nach drei Nächten – die alle im Vergleich harmlos waren – war der Spuk vorbei und ich habe mir geschworen, ich möchte so etwas NIE WIEDER ERLEBEN und NIE WIEDER MEINEM KIND antun.

Deshalb war ich heilfroh, als meine zweite Tochter keine Anstalten machte, einen Schnuller zu nehmen. Ab und zu kaut sie jetzt, mit mehr als zwei Jahren mal drauf rum, aber so richtig zum Junkie wurde sie zum Glück nie. Denn ich wüsste nicht, wie ich jetzt reagieren würde. Das große Kind ist mittlerweile sechs und hat offenbar kein Trauma durch den Entzug erlebt … bleibt nur mein Gefühl in der Magengegend, wenn ich an diese Nacht zurückdenke.

Hier gibt’s Esthers Kolumne noch einmal auf Platt zum Anhören:

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