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Foto: Nikolaus Urban, Tafel Deutschland e.V.

Seit Monaten spitzt sich die Lage der Tafeln in ganz Deutschland zu: Die Neuanmeldungen steigen, aber die Spenden gehen zurück. Ob die Situation der Tafeln in Schleswig-Holstein und Hamburg ähnlich ist und was man dagegen tun kann, darüber haben wir im Interview mit Frank Hildebrandt gesprochen, dem Vorstandsvorsitzenden der Tafel Schleswig-Holstein/Hamburg.

Herr Hildebrandt, aktuell häufen sich Berichte, nach denen viele Tafeln deutschlandweit immer mehr Kunden vermelden, gleichzeitig aber die Spenden sinken und bedürftige Personen weggeschickt werden müssen. Ist die Situation in Hamburg und Schleswig-Holstein genauso?

Ja, auch bei uns ist die aktuelle Entwicklung kritisch. Wir haben mit der Problematik schon seit dem Dezember vergangenen Jahres zu kämpfen, als die Energiepreise anfingen zu steigen.

Was fehlt momentan am meisten?

Alles! Das Problem ist, dass der Handel einerseits weniger produziert. Was vernünftig ist, denn wir haben ja früher immer gesagt, dass dieser wahnsinnige Lebensmittelüberschuss nicht nötig ist. Da war häufig so ein Überfluss vorhanden, den entweder wir von den Tafeln bekommen haben oder er landete bedauerlicherweise direkt in der Mülltonne. Zu dieser Zeit sind wir davon ausgegangen – und das war bundesweit so zu sehen – dass 10 Prozent der Bedürftigen die Leistungen irgendeiner Tafel in Anspruch genommen haben.
Das hat sich aber seit einiger Zeit geändert. Einmal gibt es weniger Lebensmittel. Und zum anderen haben wir es in den vergangenen Jahren häufiger mit Hamsterkäufen zu tun gehabt, bei denen die Billigartikel aufgekauft wurden und man plötzlich zum Beispiel kein günstiges Mehl mehr bekam. Das hat manch einen, der sonst gut kalkuliert hat und mit seinem Einkommen über die Runden gekommen ist, vor Herausforderungen gestellt.
Hinzu kommt, dass die Konzerne dazu übergehen, sogenannte Restetüten zu verkaufen. Was im Sinne von Lebensmittelretten auch gut ist, aber man muss einfach sehen, dass diese Restetüten nicht nur von Bedürftigen gekauft werden, sondern von jedem, der einfach preisbewusst ist. Und die Lebensmittel fehlen dann bei uns.

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Foto: Tafel Deutschland e.V.

Hat sich auch der Krieg in der Ukraine bemerkbar gemacht?

Beim Kriegsbeginn am 24. Februar haben wir uns erstmal zurückgelehnt und gesagt: Mit Flüchtlingen können wir umgehen, das hatten wir ja 2015 genauso. Und dann mussten wir feststellen, dass die Ukraine unserer deutschen Gesellschaft scheinbar sehr viel näher ist. Das sind Europäer, das sind unsere Nachbarn. Es sind, anders als 2015, vor allem Frauen mit ihren Kindern, da kommt bei den Deutschen der Beschützerinstinkt durch, was ja gut ist. Aber das hat Konsequenzen für die Tafel.

Welche sind das?

Es fängt damit an, dass die Konzerne und Lebensmittelhersteller selbst gesagt haben: Es ist schrecklich, was bei unseren Nachbarn passiert, da müssen wir helfen. Lebensmittel wurden lastzugweise an die ukrainischen Grenzen gefahren. Da ging schon mal eine ganze Menge weg, was die Tafeln sonst bekommen hätten.
Außerdem haben viele Privatpersonen Sprinter mit dringend benötigten Hilfsgütern beladen und, wenn in diesen noch ein bisschen Platz war, bei regionalen Händlern nach Lebensmitteln gefragt, die die Tafeln dann auch wieder nicht mehr erhalten haben.

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Foto: Tafel Deutschland e.V.

Also auf der einen Seite viel weniger Lebensmittel, die Ihnen zur Verfügung gestellt werden und gleichzeitig viel mehr bedürftige Personen?

Genau, es sind momentan zu viele Dinge, die gleichzeitig zusammenkommen. In Kombination mit den gestiegenen Energiepreisen ist das also eine Situation, in der mehrere für die Tafeln ungünstige Faktoren kollidieren.

Können überhaupt noch neue Mitgliedschaften abgeschlossen werden?

Das ist unterschiedlich. Man muss immer gucken, wie die einzelnen Tafeln aufgestellt sind. Also wie viele Kunden haben sie sowieso schon, wie viele Geschäfte liegen drum herum, von denen noch Waren kommen? Ich würde sagen, dass schon fast die Hälfte einen Aufnahmestopp hat.
Aber es gibt auch noch andere Reaktionsmöglichkeiten: Normalerweise kommen die Tafelkunden einmal pro Woche. Manche Tafeln strukturieren jetzt um und die einzelnen Mitglieder dürfen nur noch alle zwei Wochen kommen. Denn wenn jeder Kunde nur noch ein paar Scheiben Brot und einen Apfel erhält, weil zu wenig da ist, dann bricht das System zusammen.

Was machen die Menschen, die in der einen Woche leer ausgehen?

Das weiß man natürlich nicht, aber sie müssen dann irgendwie über die Runden kommen. Wir haben das ja 2020 schon erlebt, als die Corona-Pandemie ausgebrochen ist. Da hatten von den 57 Tafeln in Schleswig-Holstein 42 geschlossen. Einfach, weil sie nicht wussten, wie man mit der Situation umgehen sollte. Dazu muss man wissen, dass der klassische Tafelhelfer 65 Jahre alt und aufwärts ist – also von Anfang an altersmäßig in der Risikogruppe war. Viele Helfer sind dann erstmal zuhause geblieben, um sich nicht anzustecken.

Wie haben die Tafeln das Problem gelöst?

Vor Corona war es so, dass die Waren wie auf dem Wochenmarkt aufgebaut waren. Die Kunden gingen daran vorbei und konnten auswählen. So sind die Tafelhelfer und -helferinnen viel mit den Kunden ins Gespräch gekommen, zum Beispiel zu Kochrezepten. Dieser Austausch war großartig. Außerdem muss man wissen, dass viele Tafelkunden schon morgens um 7 Uhr da sind, auch wenn die Tafel morgens erst um 10 Uhr öffnet. Der Tafelbesuch ist für viele ein Highlight. Denn er kostet nichts, man kommt raus, kommt mit Leuten zusammen, kann schnacken und sich austauschen. Aufgrund der Corona-Situation ging es so aber nicht mehr. Wir mussten uns etwas einfallen lassen.
Also haben wir vorgepackt. Und seitdem gibt es die Ware in grünen Kisten, wie sie auch im Supermarkt stehen. Und zwar sommers wie winters draußen vor der Tür – das ist zwar manchmal etwas ungemütlich, aber so sind wir auf der sichereren Seite.
Das Packsystem hat für die Tafel den Vorteil, dass die Verweildauer der Kunden viel, viel kürzer ist und zum anderen benötigt man keine sechs bis sieben Helfer, sondern es reichen zwei.

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Foto: Tafel Lampertheim

Wie ist momentan die Stimmung bei den Verteilungen?

Sowohl die Kunden als auch die Helfer sind ein normaler Querschnitt durch die Gesellschaft und natürlich gibt es welche, die sind anspruchsvoll oder drängeln. Dann gibt es welche, die sind so dankbar, dass es uns schon peinlich ist, weil wir uns untereinander auf Augenhöhe begegnen möchten. Insgesamt kann man sagen, dass unsere Kunden die aktuelle Situation natürlich registrieren und bemerken, dass es weniger gibt, aber genau deshalb sind sie umso dankbarer, dass wir weiterhin Waren für sie haben und beispielsweise einen Aufnahmestopp für Neukunden verhängen, wenn es ansonsten nicht ausreicht.
An dieser Stelle komme ich noch einmal zurück auf den Einfluss des Kriegs in der Ukraine. Es darf zum Beispiel nicht der Eindruck entstehen, dass die Geflüchteten aus der Ukrainer etwas „wegnehmen“. Das wäre fürchterlich!

Werden die Tafeln in diesem Zusammenhang in irgendeiner Weise durch politische Maßnahmen unterstützt?

Es gibt aktuell Unterstützung nach einer Billigkeitsrichtlinie des Sozialministeriums Schleswig-Holstein. Die einzelnen Tafeln können Anträge stellen zur „Milderung der Auswirkungen durch die verstärkte Inanspruchnahme von Schutzsuchenden aus der Ukraine“. In dem Sofortprogramm stehen insgesamt 500.000 € zur Verfügung und die Mittel können noch bis einschließlich 30. November 2022 beantragt werden. Bislang wurde etwa die Hälfte davon abgerufen, was schon ein Erfolg ist. Das Land dachte vermutlich, dass die Nachfrage höher ist, aber man muss dazu sagen, dass die Tafeln 2020 einen wahnsinnigen Spendenanstieg verbuchen konnten und wir damit sehr sparsam umgegangen sind. Nun wird es allerdings sicherlich weniger werden. Einfach, weil jeder mit den gestiegenen Energiekosten zu tun hat und dann nicht mehr allzu viel für Spenden übrig sein dürfte.
Das Paket des Sozialministeriums ist für erhöhte Energiekosten oder gestiegenen Platzbedarf gedacht. In diesem Zusammenhang ist es auf jeden Fall eine Hilfe. Lebensmittel dürfen wir von den Geldern allerdings nicht kaufen. Wir sind alle Mitglieder im Bundesverband der Tafeln und der hat seine Tafelgrundsätze. Dort steht drin: „Wir sammeln!“ Kaufen wäre außerdem sehr ungeschickt, denn wir bekommen unsere Lebensmittelspenden überwiegend vom Handel und wenn der sieht, dass wir anfangen zu kaufen, dann geht er davon aus, dass wir keine Spenden mehr benötigen. Stattdessen geben sie die Waren dann lieber an Food-Sharing-Projekte oder To Good to Go oder Resteritter o. ä., von denen sie vermutlich zum Teil etwas Geld erhalten. Das ist den Händlern dann logischerweise lieber als alles zu spenden.

Wie kann man die Tafeln am besten unterstützen?

Mit Lebensmittelspenden! Auch als Privatperson kann man Lebensmittel kaufen und diese bei den Tafeln abgeben – nur das MHD darf nicht abgelaufen sein.

Ist es auch schwieriger geworden genügend Ehrenamtliche zu finden?

Eigentlich nicht. Wir kriegen immer wieder Bewerbungen. Auf der anderen Seite wissen wir nicht, wie groß unser Helferstamm noch ist, weil wir aktuell sehr viel weniger im Einsatz haben. Wir haben insofern genug, dass sie sich im Lager nicht auf die Füße treten und ein bisschen Abstand halten können als Vorsichtsmaßnahme in Bezug auf Corona.

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Foto: Tafel Deutschland e.V.

Gibt es eigentlich Unterschiede zwischen Tafeln in der Stadt und auf dem Land?

Es ist insgesamt wahnsinnig schwierig immer von DER Tafel zu sprechen. In Deutschland gibt es inzwischen 963 Tafeln. Wenn man 50 findet, die man 1 zu 1 von der Arbeitsweise miteinander vergleichen kann, dann ist das viel. Genauso gibt es große Unterschiede zwischen Stadt und Land. Wir in Kiel haben acht Ausgabestellen, das heißt also, dass an jedem Werktag irgendeine geöffnet ist. Dadurch können wir viel mehr Lebensmittel noch einsetzen als zum Beispiel eine Tafel auf dem Dorf, die nur einmal in der Woche geöffnet hat. Man muss immer sehen: Wir kriegen die Sachen, die der Handel nicht mehr verkaufen kann. Die haben also keine allzu große Lebenserwartung mehr.

Ich sprach ja außerdem zu Beginn schon von den 10 Prozent der Bedürftigen, die überhaupt nur zu den Tafeln gehen. Warum kommen die anderen nicht? Das hat den einen Grund: Die Nachbarn sollen das nicht sehen! Und das ist auf dem Dorf wahrscheinlich noch viel ausgeprägter. In der Stadt ist man anonymer und man muss nicht zur Ausgabestelle direkt vor der Haustür gehen.

Was macht Ihnen am meisten Spaß an ihrer ehrenamtlichen Arbeit?

Der Kontakt mit den Menschen! Man bekommt sehr viel zurück! Es gibt einige, die sagen, wir würden dem Staat die Aufgabe wegnehmen, dafür zu sorgen, dass jeder ausreichend Geld hat, damit er leben kann. Darauf antworte ich immer: Ja, mag sein – ist doch aber nicht schlimm! Früher gab es die Großfamilie. Und die Armut, die es damals auch schon gab, wurde in dieser irgendwie aufgefangen. Jetzt haben wir keine Großfamilien mehr, nun macht die Gesellschaft das übers Ehrenamt – wo ist das Problem? Denn egal, ob die Menschen ein Grundeinkommen oder ein Bürgergeld oder ähnliches erhalten – es gibt immer Menschen, die damit nicht klarkommen. Sie haben Unterhalt zu zahlen oder Ratenverträge usw. Es wird immer Menschen geben, die zu uns kommen.
Das ist auch ein Punkt: Was heißt bedürftig? Die Tafeln dürfen nach der Abgabeordnung nur an Bedürftige abgeben. Wo man die Bedürftigkeitsgrenze ansetzt, richtet sich nach den örtlichen Gegebenheiten. Wie viele Reste erhält die Tafel, wie viele Kunden hat sie? Und dann kann man die Grenze setzen. Wir haben sie in Kiel jetzt bei der deutschen Armutsgrenze von 1074 € angesetzt. Aber wenn wir sowieso nur wenig Ware haben und ganz viele Kunden „befürchten“, dann müssen wir den Betrag etwas niedriger setzen und haben dann weniger Kunden dadurch. Das ist eine Steuerungsmöglichkeit, von der wir in naher Zukunft vermutlich vermehrt Gebrauch machen müssen.

Heißt das, dass man als Mitglied theoretisch auch wieder aus der Tafel ausgeschlossen werden könnte?

Nein, das machen wir nicht. Wir müssen uns von unseren neuen Kunden einen Bedürftigkeitsnachweis zeigen lassen. Diesen muss man zu Beginn eines Kalenderjahres erneuern, denn nicht alle sind ewig bedürftig. Viele Kunden sind von heute auf morgen weg. Dann haben sie entweder einen Job gefunden, sind umgezogen, haben geheiratet … Bei den Tafeln scheidet aber niemand aus – er oder sie kommt einfach nicht (mehr). Da sich derjenige aber nicht abmelden muss, wissen wir auch nicht, ob er auf Dauer nicht mehr kommt oder z. B. für ein paar Wochen im Krankenhaus liegt o. ä. Insofern können also auch keine Nachrücker aufgenommen werden. Wenn ein Aufnahmestopp besteht, kann der nur aufgehoben werden, wenn (wieder) genügend Warenspenden im Verhältnis zur (sowohl vorhandenen als auch prognostizierten) Kundenzahl zur Verteilung zur Verfügung stehen.

Du möchtest die Tafel unterstützen?

Alle Tafeln, auch die in Schleswig-Holstein und Hamburg, sind auf Spenden angewiesen. Denn ohne Lebensmittel-, Sach- und Geldspenden wäre die Arbeit, die die einzelnen Tafeln leisten, nicht möglich. Wenn du die Tafeln unterstützen möchtest, findest du hier alle Hinweise zum Spenden.

Hier gibt’s den Beitrag noch einmal auf Platt für die Ohren:

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