Der Hebammenmangel wird immer dramatischer. Aber damit nicht genug – in Norddeutschland schließen auch immer mehr Geburtenstationen, sodass sich viele Frauen fragen: Wo kann ich in Zukunft noch ein Kind entbinden und steht mir anschließend im Wochenbett eine Hebamme unterstützend zur Seite? Alva aus dem Klönstedt-Team hat sich ausführlicher mit der Thematik auseinandergesetzt.

Es war in der sechsten Klasse, als bei mir in der Schule das erste Mal das Thema Sex angesprochen und über Geschlechtskrankheiten und Verhütungsmethoden aufgeklärt wurde. Mit 14 Jahren bekam ich dann zum ersten Mal meine Periode und hatte einige Jahre später mein erstes Mal. Meine größte Sorge ab diesem Zweitpunkt? Nicht genug „aufzupassen“ und ungewollt schwanger zu werden. Meine Gedanken drehten sich darum, was passieren würde, wenn das Kind dann da wäre. Ich befürchtete, ich könnte mein Abitur nicht gemeinsam mit meinen Freund:innen beenden, direkt eine Ausbildung beginnen oder studieren, ohne alles um mein Kind herumorganisieren zu müssen.

Doch heute ist das anders. Nun wäre es immer noch ein unpassender Zeitpunkt für mich, schwanger zu werden – wenn es überhaupt so einfach klappen würde – ausprobiert habe ich das ja noch nie. Aber ganz so schlimm wäre es heute nicht mehr, denn mein Abitur habe ich mit meinen Freund:innen zusammen gemacht, ich habe eine Ausbildung abgeschlossen und studiere. Zusammen mit meinem Freund, meinen Eltern, Geschwistern und Freund:innen würde ich das mit Sicherheit hinbekommen.

Wachsender Hebammenmangel

Meine Sorgen rund um das Thema sind aber nicht weg, sondern haben sich nur verschoben. Denn wo bringe ich mein Kind zur Welt – wenn es in ein paar Jahren vielleicht so weit ist – wenn gerade so viele Geburtenstationen schließen? Wen finde ich für die Vor- und Nachsorge, wenn es schon jetzt nicht mehr genügend Hebammen für alle werdenden Mütter gibt? Ich frage mich: Wie sind wir in diese Lage gekommen?

Zwischen 1999 und 2002 wurde das Abrechnungssystem der deutschen Krankenhäuser grundlegend verändert. Das frühere zeitorientierte System, in dem in sogenannten Tagesätzen für jeden Tag Liegezeit der Patient:innen abgerechnet wurde, war out. Nach australischem Vorbild werden Krankenhäuser seitdem nach Schwere der Diagnose bezahlt, in sogenannten Fallpauschalen. Seit 2004 bekommen Kliniken für eine Geburt deutlich weniger Geld. Deshalb sparen sie am Personal. Immer weniger Hebammen müssen so immer mehr Arbeit erledigen und tragen dabei eine große Verantwortung.
Ein auf der Hand liegendes Problem hierbei ist, dass sich eine Geburt aber nicht pauschalisieren lässt und einige Frauen eine intensivere Betreuung benötigen als andere. Allerdings ist die Zeit oft knapp bemessen, denn durch den Hebammenmangel entstehen lange Staus vor den Kreißsälen (Hier kannst du dir eine dazu passende Arte-Doku aus dem Jahr 2019 ansehen.).

Ohne Hebamme keine Geburt

Die Frauenärzt:innen benötigen Hebammen, um überhaupt Geburten durchführen zu können. Fehlen Fachkräfte für die Geburtshilfe, müssen Frauen verlegt, weitergeschickt oder ganze Stationen gesperrt werden. Nur noch 20 % der Hebammen arbeiten heutzutage Vollzeit in den Kliniken, vor 50 Jahren waren es noch 70 %.

In Deutschland gibt es kaum Vorgaben, wie viele Hebammen in einem Kreißsaal arbeiten sollen – das liegt in der Hand der Kliniken. Dadurch passiert es, dass eine Hebamme teilweise fünf oder sogar mehr Frauen parallel betreuen muss. Diese hohe körperliche und psychische Belastung nagt an der Gesundheit.
Im europäischen Ausland betreut eine Hebamme im Jahr etwa 30 bis 40 Geburten. Hierzulande sind es im Schnitt 90. Das hat zur Folge, dass die Hebammen Angst haben, etwas zu übersehen oder zu vergessen. Auf der anderen Seite nehmen die Schwangeren und jungen Mütter viel mehr Leistungen in Anspruch als früher. So kann eine Hebamme weniger Frauen betreuen, weil die Zeit fehlt. Weniger Betreuungen bedeutet in der Freiberuflichkeit aber auch weniger Geld.

Jede Leistung der freiberuflichen Hebamme muss aufwendig mit der Krankenkasse abgerechnet werden, wobei nach Abzug der Sozialabgaben und Steuern häufig kaum etwas überbleibt. Zusätzlich belasten extrem hohe Haftpflichtprämien den Berufstand der Hebammen, sodass nur noch 25 % überhaupt für die Geburtshilfe zur Verfügung stehen.

Im Wochenbett geht’s weiter

In der Wochenbettbetreuung ist die Situation nicht besser: Um etwas zu verdienen, dürfen für die Begleitung einer gebärenden Frau nur 30 bis 40 Minuten eingeplant werden. Diese Spanne ist in den meisten Fällen jedoch vollkommen unrealistisch, da der emotionale Beistand, einer der wichtigsten Faktoren der Wochenbettbetreuung, sehr viel mehr Zeit beansprucht.
Aufgrund der fehlenden Verfügbarkeit im näheren Umfeld kann jede fünfte werdende Mutter keine Unterstützung bei der Vor- und Nachsorge durch eine Hebamme in Anspruch nehmen, obwohl ein gesetzlicher Anspruch genau darauf besteht.
Das Problem der mangelnden Versorgung verschärft sich zusätzlich durch jährlich steigende Geburtenraten. In der Folge gehen Frauen häufiger zum/r Ärzt:in, besuchen Selbsthilfegruppen oder recherchieren auf eigene Faust im Internet. Durch lange Wartezeiten oder fehlerhafte Selbstdiagnosen entstehen Verunsicherungen.

Forderungen des Deutschen Hebammenverbands

In der Branche muss sich also dringend etwas ändern. Die Wahrnehmung und Wertschätzung der Hebammen in der Öffentlichkeit muss wiederhergestellt und die Arbeitsbedingungen attraktiver gestaltet werden. Aus diesem Grund fordert der Deutsche Hebammenverband bessere Arbeitsbedingungen an den Kliniken und ein angemessenes Gehalt. Doch bislang scheitert er mit seinen Forderungen.

Sinkende Anzahl der Geburtenstationen

Wie bereits oben geschrieben, führt der Hebammenmangel dazu, dass mitunter Geburtenstationen ganz geschlossen werden müssen. Die Probleme sind gravierend: Gab es 2010 noch 807 Kreißsäle in Deutschland, waren es 2017 nur noch 672. In meiner Heimat Schleswig-Holstein nimmt die Anzahl der Geburtenstationen seit den 2000er Jahren ebenfalls ab. Zählte man vor der Jahrtausendwende noch mehr als 25 Geburtenstationen, sind heute nur noch 15 übrig. Dazu kommt, dass Geburtenstationen in Level eingeteilt werden. Liegt die Geburtenzahl eines Krankenhauses unter 500 Geburten im Jahr, wird davon ausgegangen, dass es den Fachkräften an der notwendigen Praxis fehlt und sie mit Komplikationen schlechter umgehen können. Aus diesem Grund fällt es in die Versorgungsstufe 4.

Zentralisierung der Kreißsäle

Risikoschwangerschaften und Mehrlingsgeburten müssen an Kliniken mit pränatalem Schwerpunkt überwiesen werden, also an Stationen mit den Leveln 1 – 3. Von den 15 Geburtenstationen in Schleswig-Holstein verfügen nur 11 über diesen Schwerpunkt. Diese Zentralisierung der Kreißsäle wird vom Hebammenverband SH kritisiert, weil so weite Wege, längere Fahrzeiten und eine schlechtere Versorgung entstehen.
Anders bewertet die Krankenhausgesellschaft SH die vorschreitende Zentralisierung der Geburtenstationen, denn nach den bisherigen Schließungen sollen ihr zufolge keine Versorgungslücken entstanden sein, da werdende Mütter sowieso größere Zentren gegenüber kleineren Stationen bevorzugen würden.

Es muss dringend eine Lösung her

So oder so – langfristig können der Hebammenmangel und die Schließungen der Geburtenstationen nur auf politischer Ebene verändert werden, doch das könnte eine Weile dauern. Ich habe das Gefühl: Es wird viel geredet, wenig debattiert und dazu kommen unüberlegte Ankündigungen, wie kürzlich von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach. Ende Oktober 2022 war eine Finanzreform der gesetzlichen Krankenkassen verabschiedet worden. Das GKV-Finanzstabilisierungsgesetz sah unter anderem Veränderungen am Pflegebudget vor. Ab 2025 sollten demnach einige Leistungen wegfallen und nur noch die Kosten von Patient:innen in bettführenden Stationen finanziert werden. Dazu zählt jedoch nicht die Arbeit von Hebammen am Wochenbett, also der Nachsorge nach einer Geburt. Die sollten Krankenhäuser zukünftig selber finanzieren. Die Sorge: Hebammen könnten entlassen und Pflegekräften zusätzlich noch mehr Aufgaben aufgebrummt werden.

Gegen diese Pläne lief der der Deutsche Hebammenverband Sturm – zurecht und mit Erfolg! Lauterbach kündigte an, die Notlage erkannt zu haben, zum Handeln bereit zu sein und die Hebammen künftig weiterhin im Pflegebudget zu berücksichtigen. Außerdem sollen die Hebammen aus dem Fallpauschalensystem genommen werden, sodass ihre Leistung gesondert bezahlt werden können. „Der wirtschaftliche Druck verträgt sich nicht mit dem Berufsbild. Auf dem Rücken der Hebammen sollen Krankenhäuser künftig nicht mehr sparen können“, so Lauterbach.

Auf jeden Fall eine positive Entwicklung. Dennoch wird mir dieses Thema wohl noch länger keine Ruhe lassen, denn wie wird es in 5 bis 10 Jahren aussehen? Ich hoffe, besser! Ich hoffe auf mehr gut ausgebildete Hebammen, auf kleine Geburtenstationen mit erfahrenen Geburtshelfer:innen nah bei mir zu Hause und eine Politik, auf die langfristig bei diesem Thema Verlass ist.

Deine Meinung ist gefragt!

Uns interessiert auch deine Meinung zu dem Thema! Wie denkst du darüber und was bewegt dich? Bist du selbst bereits vom Hebammenmangel und schließenden Geburtenstationen betroffen gewesen? Schreibe es in die Kommentare oder schick uns eine Mail an info@kloenstedt.de – wir freuen uns auf den Austausch mit dir!

Hier gibt’s den Beitrag noch einmal auf Platt für die Ohren:

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