Die Kolumne aus dem Gasthof Harms stammt dieses Mal nicht von den drei Geschwistern, sondern von Kristians Partnerin Lauretta. Sie hat sich mit einem Thema beschäftigt, das eine sehr lange Tradition in Gasthöfen hat, aber ein wenig in Vergessenheit geraten ist.

Es gibt da so einen Film. Über St. Pauli, Krokodile, Kneipen, Alter(sarmut) und Gentrifizierung. Der Film ist verdammt gut. Und er hat tatsächlich für etwas sehr verstaubtes, lange nicht mehr aktuelles einen Neuanfang im Dorfkrug gebracht. Der Sparclub [Achtung Spoiler!] erlebte sein fulminantes Comeback!

Aber erstmal zurück zum Anfang. Vor Jahrzehnten gab es eigentlich in jedem Ladenlokal, das Bier verkaufte und einen Tresen hatte, einen Sparclub. Als Mitglied in einem Sparclub zahlt man monatlich Geld ein und spart dieses, indem man es in sein eigenes kleines Fach steckt. Der Clou hierbei ist, dass das Geld über das Jahr hinweg unter Verschluss ist. Es wird erst zum Ende des Jahres bei einer großen Feierlichkeit ausgezahlt. Üblicherweise findet diese kurz vor Weihnachten statt, sodass die Mitglieder zum Jahresende einen kleinen „Geldsegen“ haben. Das Modell ist eigentlich ganz charmant, doch wird es oft mit verstaubter Spießigkeit und Dagobertmoral in Verbindung gebracht …

Relikt vergangener Tresenabende

Auch bei uns im Dorfkrug existierte lange nur der alte Sparclubkasten, der fest in der Wand installiert ist. Früher war der Sparclub so groß von der Mitgliederzahl, dass sogar noch ein zusätzlicher Kasten installiert werden musste. Nach und nach starben die Mitglieder jedoch weg oder wurden so alt, dass sie entweder nicht mehr in den Dorfkrug kommen konnten oder kein Geld mehr zum Sparen hatten. Der Kasten bei uns an der Wand war jahrelang außer Betrieb, ein Relikt vergangener Tresenabende und verstorbener Stammtischgäste.

Und nun gibt es ja aber immer noch diesen Film. „Manche hatten Krokodile“ heißt er. Den haben wir an einem Mittwochabend (da ist bei uns der Gasthof immer geschlossen) geguckt. Er handelt, wie gesagt, vom Leben auf St. Pauli im Alter und dreht sich im Allgemeinen um das Viertel. Ganz zum Schluss, im Abspann, wurde erwähnt, dass die teilnehmenden interviewten Persönlichkeiten zum Großteil über die Sparclubs der Kiezkneipen akquiriert wurden.

Der alte Kasten an der Wand

Am nächsten Abend musste Kristian arbeiten (hinterm Tresen) und ich saß am Tresen, neben dem alten Sparclubkasten. Mit mir zusammen waren wir zu viert am Tresen an diesem Abend. Einen richtigen Stammtisch gab und gibt es eigentlich nicht mehr wirklich außer Montagmorgens, aber dazu ein andern Mal mehr …

Wir vier am Tresen bestanden also eben aus mir, der Partnerin vom Wirt in Spe, einem guten Freund, der sehr gerne zu St. Pauli geht und nur eine ganz bestimmte Anzahl an Cola-Whisky verträgt und zwei gerade Neuzugezogenen, die das erste Mal in die Dorfkneipe eingekehrt waren an diesem Abend. Nach ein paar Wein erzählte ich von dem Film und, dass ich es sehr beeindruckend fand, was für Lebensgeschichten sich eben über sowas finden und erzählen lassen. Immer wieder fielen unser Blick und das Gesprächsthema dabei auf den alten Kasten rechts neben mir an der Wand.

Es wurde später, es flossen mehr Getränke – die erste Kellnerin hatte bereits Feierabend gemacht. Sie setzte sich zu uns an den Tresen und wir brachten sie auf den Stand unseres abendlichen Gesprächs. Sie griff schnell zu Gin Tonic und stieg mit ein. Nach knapp einer weiteren halben Stunde waren wir uns sicher, dass es nun unabdingbar war, den Sparclub im Dorfkrug wiederzubeleben.

Sparclub_1

Foto: Privat (1)

Wiederbelebung des Sparclubs

Kurzum wählten wir, als erste Mitglieder: die Kellnerin zur ersten Vorsitzenden und mich zur Stellvertreterin. Eine Satzung wurde geschrieben, in ein altes Reservierungsbuch, die Regeln wurden festgelegt – 1 x monatlich wird ausgezählt. Es müssen mindestens 8 € im Monat gespart werden (so konnten auch die Schüler:innen und Studierenden mitmachen) und wer das nicht schafft, dem wird 5 € Strafgeld angerechnet, dass vom Gesamtgesparten abgezogen wird und mit in die Getränkekasse für die Auszählungsfeier fließt – ziemlich simpel!

Wir waren hoch euphorisch und begannen direkt an diesem Abend/Nacht noch mit der Anwerbung von Mitgliedern. Das Ganze gestaltete sich unerwartet einfach. Zum Schichtende bestand unser Sparclub bereits aus 11 Mitgliedern, hatte ein Motto „die erste Milliarde ist die schwerste“ und ein Maskottchen, einen Igel. Das war das Einzige, was wir an diesem Abend noch zeichnen konnten … Aus dieser eigentlichen Schnapsidee ist im Nachhinein (bis zu Corona) etwas ziemlich Schönes entstanden. Der Sparclub wurde offiziell (wieder) ein Teil vom Dorfkrug und bekam eine große Mitgliederanzahl in verschiedensten Altersstufen und mit den unterschiedlichsten Hintergründen.

Wir krönten bei unserer ersten offiziellen Weihnachtsfeier Topsparer:in und Kleingeldprinzessin und hauten das Strafgeld in Form von Wein und Schnaps auf den Kopf. Das war richtig, richtig schön. Nach zwei Jahren erfolgreichem Sparen kam Corona und machte das Sparen nahezu unmöglich. Viele Mitglieder wanderten ab. Lange dachten wir, dass es das jetzt wieder war mit dem Sparclub … Doch trotz sinkender Mitgliederzahl gibt es dennoch einige, die weitersparen wollen und weiterhin mitmachen. Und wir sind uns sicher, dass wir dieses Jahr wieder richtig zusammen feiern werden!

Hier kannst Du den Beitrag auf Platt anhören:

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